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Vor dem Monsun

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Ich nehme jetzt eine Schere, um einen alten Zopf ab zu schneiden, und der heißt Sommerregen. Früher sagten die Leut‘, man solle die Kinder zu dieser Jahreszeit nach draußen schicken, wo sie der Sommerregen wachsen ließe. Das waren niedliche Zeiten, aber vor allem: ganz andere. Vergangenheit.

Denn was da heuer im Gepäck gewisser Atlantischer Tiefausleger über uns hereinbricht, hat eher Tropenregencharakte, und die Kinder müssen leider drinnen bleiben. Deutsche Sommer, so wie ich sie erlebe, etablieren sich zusehends als Regenzeit. Und spätestens im Zuge der globalen klimatischen Phänomenverschiebungen könnte es Sinn machen, hier einmal über neue Terminologien nachzudenken.

Hamburger Jung. Vor dem Monsun.

Klingt es nicht viel aufregender und exotischer, wenn auf den Campingplätzen zwischen Nord- und Ostsee „von Mai bis Juni mit Monsunregen zu rechnen“ ist – mal im Vergleich mit: „Nasskalter Sommer, den wir da hatten, da sind uns doch glatt die Rosenkugeln unter dem Vordach weggeschwommen“? Eben.

Außerdem besitzt das Wort „Monsun“ das gewisse Etwas, ein Flair von Unabänderlichkeit. Es bezeichnet einen Klimazustand, dem man sich ergibt und ihn nutzt, um schon um 4 Uhr nachmittags ein paar Gin Tonics in hohe Gläser zu rühren. Das Scrabble-Brett heraus zu holen oder eine Partie Backgammon zu fordern. Den Liebhaber in ein gemietetes Zimmer zu bestellen, wo Regentropfen am halb geöffneten Fenster alle Geräusche in Watte packen, bis man das Hotel mit Einbruch der Dunkelheit wieder verlässt.

In Hamburg sagt man „Schietwetter“. Ich sage: mehr Fantasie. Und stelle die Zimmerpalmen auf den Balkon. Bei mir ist Monsun.

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